Rundbrief 7

December 12, 2015

Regensdorf, Dezember 2015

Liebe Mitglieder
liebe G├Ânnerinnen und G├Ânner
Liebe Freunde der IG „Fair-wahrt?“
Sehr geehrte Damen und Herren

Am 10.12.15 traf sich in Bern eine Expertenrunde zu Gespr├Ąchen zur Zukunft unserer Interessengemeinschaft. Mit dabei waren u.a. drei Vorstandsmitglieder des F├Ârdervereins f├╝r die „Fair-wahrt?“, welche auch f├╝r mich sprachen, da ich als Verwahrter in der JVA P├Âschwies ja nicht selber dabei sein konnte.

Ungl├╝cklicherweise hat sich allerdings in den letzten Tagen vor dem Treffen die Anzahl der Teilnehmenden reduziert: Ein Rechtsprofessor wurde kurz davor f├╝r eine Notfall-Operation ins Spital eingeliefert. Einen renommierten Rechtsanwalt zwang eine Grippe ins Bett. Mehrere weitere Fachpersonen, die auch l├Ąngst zugesagt hatten, wurden letztlich doch noch durch unvorhergesehene und unverschiebbare Termine verhindert. Aber: w├Ąhrend ein gr├Âsserer Kreis auch potentiell gr├Âssere Ressourcen bedeuten k├Ânnte, l├Ąsst es sich daf├╝r mit weniger Teilnehmern leichter und effizienter diskutieren.

Das Treffen hatte jedenfalls starke Symbolkraft: es war der Internationale Tag der Menschenrechte und es fand in einem f├╝r uns reservierten Raum von Amnesty International statt. Die bei AI-Schweiz t├Ątige Frau Denise Graf, Juristin und Expertin f├╝r Menschenrechte, war ebenso anwesend wie Frau Professor Dr. iur. Grischa Merkel aus Hamburg, seit diesem Jahr Dozentin f├╝r Ethik und Recht an der Universit├Ąt Basel. Im Weiteren Herr Dr. iur. Michael Burkard aus Bern und schliesslich Willy als Vertreter der inhaftierten Betroffenen, unsere treue Seele ausserhalb der Mauern, der sich seit diesem Jahr zuverl├Ąssig und hingebungsvoll u.a der Arbeit f├╝r die Verbreitung unserer Rundschreiben widmet. Und er vertrat bei dem Treffen nicht nur mich, sondern scheint’s eindr├╝cklich die Sicht von Betroffenen!

Seit nunmehr einem Jahr schon geniesst Willy die damals schlussendlich wieder erlangte Freiheit. Wie so mancher von uns blieb er zuvor ein Vielfaches seiner urspr├╝nglichen Strafe in geschlossenen Vollzugsanstalten eingesperrt, entgegen den Menschenrechten unter Strafhaftbedingungen in Verwahrung, wurde von Justiz und Psychiatrie unver├Ąndert als „gemein- und r├╝ckfallgef├Ąhrlich“ eingestuft und so endlos jeglicher Perspektive beraubt. Bis er mit 60 Jahren dank einem ├╝ber die Pflicht engagierten Anwalt und dank einem Gericht mit mutiger Besetzung letztendlich freikam. Ein Jahr nun schon beweist Willy seine Ungef├Ąhrlichkeit und straft damit die ‚Richter in Weiss‘ L├╝gen. Ein Hoch auf ihn von uns Allen, mit den besten W├╝nschen f├╝r sein weiteres Leben in Freiheit!

N├Ąheres ├ťber das Treffen in Bern kann ich leider erst im neuen Jahr berichten. Nat├╝rlich konnten wir nicht erwarten, dass da jemand auf die Schnelle eine in jeder Hinsicht geeignete Person f├╝r eine IG-Leitung ausserhalb der Mauern ‚aus dem Hut zaubern‘ w├╝rde; das braucht Zeit.

Ich selber w├Ąre indes nach wie vor gl├╝cklich, wenn sich auch innerhalb von Mauern eine f├Ąhige und mutige Person mit F├╝hrungspotential als Vertreter der Verwahrten f├Ąnde, denn meine Kraft l├Ąsst nach und meine Zeit d├╝rfte ohnehin ablaufen, bevor die Arbeit vollendet ist.

Die erste gute Nachricht vom Treffen in Bern nach einem ersten Telefonat mit unserer Pr├Ąsidentin lautet immerhin: die Gespr├Ąche verliefen sehr engagiert und konstruktiv in unserem Sinne und hinsichtlich unserer Ziele. Und die Arbeit der IG „Fair-wahrt?“ wie auch des F├Ârdervereins wurde als unverzichtbar, mutig und pionierhaft gew├╝rdigt und gelobt.

Ihnen/Euch allen die besten W├╝nsche, auch f├╝r die Feiertage und f├╝r 2016! Und ganz herzliche Gr├╝sse,

Ihr/Euer Beat Meier